Samstag, 22.September 2018

ThLA logo

Eine Tagung, die der Thüringer Landesbeauftragte im April 2017 in Geisa ausrichten ließ, befasste sich mit Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen, die während der kommunistischen Herrschaft in Europa und der Sowjetunion zwischen 1917 und 1989 stattfanden. Bulgarien stand nicht im Fokus der Tagung. Doch es kam auch in Bulgarien nach dem Einmarsch der Roten Armee im September 1944 und mit dem zunehmenden Einfluss der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) zu zahlreichen Strafmaßnahmen gegen politisch Andersdenkende, zu Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen. Zunächst wurde die frühere politische Elite in Prozessen abgeurteilt: Etwa 2.700 Menschen wurden bis Februar 1945 zum Tode verurteilt. Eine nicht näher zu bestimmende Zahl bulgarischer Bürger verschwand in Lagern. Weitere Regimegegner und ihre Angehörigen wurden zwangsumgesiedelt. Das Thema der Zwangsaussiedlungen greifen nun auch zwei neu erschienene Bücher zur jüngeren Geschichte Bulgariens auf.

Im 2016 in deutscher Sprache erschienenen Band von Stoyan Raichevsky „Bulgarien unter dem kommunistischen Regime 1944-1989“ (= Edition Bulgarische Geschichte, hrsg. von Detlef W. Stein, Bd. IV, Berlin 2016) wird die Geschichte Bulgariens anhand des Aufstieges der BKP, beginnend mit dem Militärsturz am 9. September 1944, die Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft bis hin zum Sturz des Regimes im November 1989 dargestellt. Die Historikerin Fanna Kolarova übersetzte dieses Grundlagenwerk zur bulgarischen Zeitgeschichte.

Nach Raichevsky Recherchen gab es mehrere Aussiedlungswellen in Bulgarien. Die ersten Zwangsaussiedlungen begannen mit den Urteilen gegen die ehemalige politische Elite. Der bulgarische Ministerpräsident Georgi Dimitrov (BKP) wies in einem Telegramm vom 19. April 1945 seinen Parteikollegen Traycho Kostov an, die Familien der zum Tode Verurteilten auszuweisen: „Diese Menschen an den Orten, wo sie bisher gelebt haben, zu lassen, würde bedeuten, Feuernester der Reaktion in Städten und Dörfern, Quellen für Agenten des Feindes (zu schaffen). Das sind Leute, die blutigen Groll gegen das neue Regime (haben), die jede Menge Schäden verursachen können. Diskutieren Sie mit Yugov [Innenminister] die notwendigen Maßnahmen für die Deportationen dieser Menschen“ (S. 274). Das Telegramm bildete den Auftakt für die Zwangsaussiedlungen. Bürger, die sich gegen das etablierende kommunistische Regime stellten, wurden ausgesiedelt. Dies betraf Industrielle, Anwälte, Intellektuelle, entlassene Offizieren der Zarenregierung in der Hauptstadt Sofia und den größeren Städten, Bauern auf dem Land sowie „unzuverlässige“ Bewohner der Grenzregionen. Sie wurden mit ihren Familien in kleine Städte und abgelegene Dörfer ins Landesinnere umgesiedelt, ohne das Recht, die neuen Wohnorte verlassen zu dürfen.
Anfang 1946 wurden erneut Hauptstadtbewohner ausgesiedelt, „die kein Recht auf ein Leben in der Hauptstadt Sofia haben“. Der Innenminister ließ eine sogenannte „Kommission für die Erstellung des Plans zur Säuberung der Hauptstadt“ aufstellen. Personen wurden entsprechend bestimmter Kategorien aus Sofia ausgesiedelt. Deportationsgründe waren insbesondere die Verwandtschaft mit „Vaterlandsverrätern“ (d.h. Personen, die aus dem Land in den Westen geflohen waren) oder Verdächtigungen als „Volksfeinde“, die als Gefährdung der kommunistischen Herrschaft nicht in den Großstädten und oder im Grenzraum betrachtet wurden.
Eine weitere Aussiedlungsaktion startete im März 1953. In der Zeit des Ungarnaufstandes 1956 kam es zu erneuten Zwangsaussiedlungen.

Stoyan Raichevsky hat anhand von Quellen des bulgarischen Politbüros und des Innenministeriums die Zahl der Zwangsausgesiedelten, die zwischen dem 9. September 1944 (Einmarsch der Sowjetarmee) und dem August 1953 ausgesiedelt wurden, auf 7.025 Betroffene und 24.624 Familienmitglieder errechnet. Der Historiker geht allerdings von einer weit höheren Zahl an Zwangsausgesiedelten aus. Hier sind noch weitere Forschungen notwendig.

Ebenfalls von den Stoya Raichevsky und Fanna Kolarova erschien eine Untersuchung zur bulgarischen Staatsgrenze und zu den Fluchten von DDR-Bürgern über eben diese Grenze: „Flucht aus der DDR über den ‚Eisernen Vorhang‛ Bulgariens. Wege, Methoden, Opfer“ (Berlin 2016). Ergänzt wird diese durch die Publikation des Historikers Christopher Nehring, die im Mai 2017 beim Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen erschienen ist. In der Studie wird die Zusammenarbeit des bulgarischen Geheimdienstes mit der Staatsicherheit der DDR zur Verhinderung von Fluchten ostdeutscher Bürger über die bulgarische Grenze untersucht. Die Studie kann als pdf-Datei auf der Webseite des Bundesbeauftragten heruntergeladen werden.

 

ThLA-Navigator

Wie können wir Ihnen helfen?

Geben Sie einen Suchbegriff ein:

> Alle Dienstleistungen


Interaktive Karte
Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

Kontakt

Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

Postfach 90 04 55 | 99107 Erfurt

Tel.: 0361 57 3114-951
Fax: 0361 57 3114-952
E-Mail:  info@thla.thueringen.de

Der Landesbeauftragte auf Facebook:

FB f Logo blue 100

Beratungsangebote

Persönliche Beratung und telefonische Anfragen sind zu den aufgeführten Sprechzeiten möglich.

Ihr persönlicher Beratungstermin

Cover GG18 H77 mittel

Cover Bericht