Dienstag, 25.September 2018

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Cover KochDer Eisenacher Pfarrerssohn Christian J. Th. Koch hatte trotz bester Noten kein Abitur machen dürfen. Er sah in der DDR für sich keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr. Aufgrund der Sippenhaft nach dem Fluchtversuch seines großen Bruders hatte er entschieden, nur mit seinem kleinen Bruder die Flucht aus der DDR zu starten. Am 19. Mai 1977 war es so weit.

In seinem Buch „Ohne Lüge Leben“ (erschienen 2014 im Verlag KOMPLETT-MEDIA München) schreibt Koch eindrücklich über seinen Fluchtversuch, die Inhaftierung, Verurteilung, Freikauf und schließlich die Ausreise:

„Flucht § 213. Eisenach / Thüringen 19. Mai 1977 'Hey Bruder, trink aus, dann gehen wir.' Gestern Abend schenkte ich mit diesen Worten meinem jüngeren Bruder Maximilian ein 50-Liter-Fäßchen Wartburg-Bier zu seinem 18. Geburtstag. Er wußte sofort, was gemeint war. Und bis zum Morgen hatten er und seine Kumpels es auf seiner Geburtstagsfete geleert.
Zu zweit fliehen galt bereits als Gruppe…“
Spannend ist, wie Demütigungen und Folter während der Haft als Befreiung und Erwachsenwerden beschrieben werden.

„Die Rose im Hof bekam Blätter und dann mehrere Blüten. Wenn Blicke Dünger wären, sie wäre haushoch über alle Knastmauern hinausgewachsen.“

„Der Spagat zwischen Elternhaus und Schule, er ist zu Ende. Sie nannten es Loyalitätskonflikt. Ich muß nicht ständig mein Elternhaus gegen Anfeindungen verteidigen, muß nun nicht mehr blind Partei ergreifen. Aber warum denke ich das „muß“ – es war keine Pflicht, es war mehr das Verteidigen, wie aus einer Wagenburg heraus, die ich jetzt verlasse. Ich bin davon frei geworden…
Aber aber, schön langsam denken, Schablone wegtun: ich hatte doch keinen Loyalitätskonflikt! Bin nur aus meiner Wagenburg herausgetreten.“ […] „So diskutieren wir, aber eigentlich reden wir einander gut zu und trösten uns über das schlechte Gewissen hinweg, ob wir nicht doch hätten bleiben müssen.
Haben wir das Recht zu verschwinden. Müssen nicht die Sehenden den Blinden helfen? Das Gespräch schläft ein.“

Koch Entlassungsschein Neu

Der Text erinnert mehrfach an den Roman „Schillergruft“ von Jürgen K. Hultenreich, der in Form eines Schelmenromans gegen den Wahnsinn anschrieb. Christian Koch schreibt auch gegen den Terror an, doch eher auf dem Weg der absurden Selbsterkenntnis als im Gestus eines Schelms: „Du mußt dem Wahnsinn mit Wahnsinn begegnen, das hebt sich dann auf.“ „Ja, mir kam die Idee, man müsse mit einer Arche-Noah das Universum verlassen, bevor es wieder anfängt, in sich zusammenzufallen und zu einem anderen Universum hin fliegen.“

Der Bericht endet mit der Fahrt über die Autobahn – am heimatlichen Eisenach vorbei und durch „das Ende meiner Welt": „Wie von außerhalb, wie in Trance, wie von ganz weit oben, sehe ich mich neben meinem kleinen Bruder sitzen und wir hauen uns ununterbrochen gegenseitig, wie die Wilden, wie irre gewordene Wahnsinnige, auf die Schenkel. Drei Ringe trage ich um meine Brust, sie schmerzen nicht, sie drücken nicht, es ist gerade nur so, daß ich spüre, sie sind da. Mein Leben ist offen und weit. Ich kann jetzt aufstehen, aussteigen und tun, was immer ich tun möchte.“

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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