Vor wenigen Wochen hat der Landesbeauftragte in Kooperation mit der Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen und der Evangelischen Studentengemeinde ein Seminar zum Thema „Mentalitäten von Menschen im postsowjetischen Raum – der ‚Homo sovieticus‘ als gesellschaftliches Phänomen“ in Erfurt durchgeführt. Für die Veranstaltung konnten der DDR-Bürgerrechtler, Philosoph und Publizist Wolfram Tschiche und die ukrainische Schriftstellerin Natalka Sniadanko als Referenten gewonnen werden.
Eingangs ging Wolfram Tschiche in der Veranstaltung auf das russische Meinungsforschungsinstitut "Lewada-Zentrum" ein, das in fünf großen öffentlichen Meinungsumfragen in Russland in den Jahren 1989, 1994, 1999, 2003 und 2008 das Thema "Homo sovieticus" beleuchtet hat. Tschiche beschrieb dabei die Entstehungsgeschichte, die Arbeitsweise des Meinungsforschungsinstituts in der späten Sowjetunion und im gegenwärtigen Russland sowie staatliche Repressalien, derer sich das Institut heute ausgesetzt sieht.
Schließlich erläuterte der Seminarleiter, wie die Schaffung des „neuen Menschen“ während der bolschewistischen Ära erreicht werden sollte; u.a. anhand von entsprechenden Dokumenten. Tschiche beschrieb - den Analysen des Lewada-Instituts folgend - die wichtigen Charakteristika des "Homo sovieticus" folgendermaßen:
Das erste fundamentale Merkmal des "Sowjetmenschen" war die ihm suggerierte und von ihm akzeptierte Vorstellung einer Einzigartigkeit und seines prinzipiellen Unterschiedes zum typischen Menschen anderer Zeiten und anderer sozialer Systeme. Damit wurde das Bild eines „besonderen Menschen“ geformt, der ein außergewöhnliches System eigener Werte, ein Bewusstsein der eigenen Überlegenheit und ein System sozialer Maße und Deutungen besitzt.
Ein weiterer grundlegender sozialer Charakterzug des "Sowjetmenschen" war die staatlich-paternalistische Orientierung. Ein „musterhafter“ Sowjetmensch konnte sich ein Leben nur innerhalb der allumfassenden Staatsstrukturen vorstellen. Er verfügte über keine autonome Persönlichkeit, sondern war ein hypersozialisiertes und völlig von der staatlichen Macht abhängiges Subjekt.
Ein anderer grundlegender Zug der inneren Wertordnung des typischen "Sowjetmenschen" war sein Hang zur Hierarchie. Im Grunde genommen bedeutet das das Akzeptieren des paternalistischen Modells und die Anerkennung von vertikalen, hierarchischen Strukturen im Sinne von Fürsorgenden und der Fürsorge Unterliegenden.
Die letzte fundamentale Besonderheit des "Sowjetmenschen" war sein imperialer Charakter, der Stolz einer Weltmacht anzugehören. Der sowjetische Staat übernahm vom Russischen Reich das Prinzip der transnationalen Organisation und damit die imperiale Ausrichtung.
In zweiten Teil des Seminars eröffnete Natalka Sniadanko unter zu Hilfenahme ausgewählter Texte aus dem Buch von Swetlana Alexijewitsch mit dem Titel “Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ (2013) eine literarische Sicht auf den "Homo sovieticus". Die Texte erlauben einen tiefen Einblick in die Mentalitäten und Verhaltensweisen von Ukrainern, die den Typus des "Homo sovieticus" repräsentierten. Schließlich wurde mit den Seminarteilnehmern diskutiert, inwiefern die Merkmale des "Sowjetmenschen" in Russland und der Ukraine bis in die Gegenwart lebendig sind; und welche Auswirkungen das auf die politischen Systeme in der Ukraine und in Russland haben könnte.