Dienstag, 22.August 2017

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Der Flucht aus der DDR und speziell aus Thüringen zwischen 1949 und 1989 widmet sich das dritte Themengebiet Flucht und Vertreibung aus Thüringen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges flohen bereits viele Menschen vor den nahenden sowjetischen Truppen. Etliche verblieben auch gleich im Westteil Deutschlands und kehrten nicht in ihre Heimat in Thüringen zurück. Als Motive können hierbei die persönliche Belastung aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch eine Gefährdung aus politischen Gründen angenommen werden, die im Zuge der Sowjetisierung in der Besatzungszone mit Enteignungen, Zwangsvereinigungen politischer Parteien und Verfolgungen einhergingen. Genaue statistische Zahlenangaben sind in diesen Fällen und generell zur Fluchtbewegung aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) schwer zu ermitteln. Basierend auf einer Volkszählung von 1950 in der Bundesrepublik wanderten zwischen 1944/45 und 1949 schätzungsweise insgesamt 876.200 Menschen, die 1939 ihren Wohnsitz in der späteren SBZ hatten, in die drei westlichen Zonen aus. Nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 und bis zum Mauerbau im August 1961 wurden dann 2,75 Millionen Flüchtlinge gezählt, die den sozialistischen Staat in Richtung Westen verließen. Die Errichtung des verschärften Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze verhinderte ab dem Jahr 1952 die legale Übersiedlung; die Flucht erfolgte fortan unter gefährlichen Bedingungen. DDR Grenzsoldaten auf Posten oberhalb der WerraMit dem Inkrafttreten des Pass-Gesetzes am 15. September 1954 wurde schließlich der „ungesetzliche Grenzübertritt“ strafbar. Nun konnte selbst der Fluchtversuch mit bis zu zwei Jahren, später sogar im „schweren Fall“ mit bis zu acht Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Dennoch sind viele Menschen „republikflüchtig“ geworden, vor allem 1953 (331.000 Flüchtlinge) und zwischen 1955 und 1957 (durchschnittlich 250.000 Personen im Jahr). Die Gründe zur Flucht bis zum Mauerbau gingen auf politische und sozioökonomische Gegebenheiten in der DDR zurück, die zumeist mit konkreten Ereignissen verbunden waren: Die Abriegelung der „Grünen Grenze“ ab 1952, der im gleichen Jahr auf der 2. Parteikonferenz der SED beschlossene „Aufbau des Sozialismus“ mit zahlreichen Veränderungen (Kollektivierung in der Landwirtschaft, weitere Verstaatlichung, Kirchenkampf usw.), der Volksaufstand am 17. Juni 1953, die feste Einbindung in den Ostblock ab 1955, die Gründung der Nationalen Volksarmee und das rigorose Vorgehen gegen reformkommunistische Kräfte innerhalb der SED nach dem kurzen „Tauwetter“ sowie die blutige Niederschlagung der Aufstände in Polen und Ungarn durch sowjetische Truppen 1956. Vor allem junge Menschen zwischen 25 und 44 Jahren flohen in den 1950er Jahren massenhaft in die Bundesrepublik Deutschland:

 

Sie standen zumeist am Anfang ihres Berufslebens und waren mobiler als die Generation ihrer Eltern. Für die DDR waren die Folgen der Flucht verheerend: Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften verstärkte sich und hemmte die propagierte wirtschaftliche Entfaltung zusehends. Um diesen „Aderlass“ an hochqualifizierten Fachkräften zu stoppen, wurde am 13. August 1961 die Berliner Mauer errichtet. Damit war auch das letzte „Schlupfloch“ in der Hauptstadt versperrt und Ost- und Westberlin lückenlos voneinander getrennt - die DDR feierte nun ihren „heimlichen Gründungstag“ (Dietrich Staritz).
Nach dem Mauerbau 1961 und bis zur Grenzöffnung im November 1989 flüchteten dennoch rund 300.000 Ostdeutsche in die Bundesrepublik und nach West-Berlin. Hiervon flohen etwa 38.000 DDR-Bürger über die von den Grenztruppen schwer bewachte und bald durch Minen und Selbstschussanlagen gesicherte innerdeutsche Grenze. Entsprechend der Angaben der Berliner „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ ließen bis 1989 1135 Menschen an der deutsch-deutschen Grenze ihr Leben, darunter auch DDR-Grenzer. Die vielschichtigen Geschichten der Flucht aus Thüringen vor und nach dem Mauerbau erzählen wir in mehreren Kapiteln. Hierbei wird auf die verschiedenen Fluchtgründe und die Aufnahme der „Republikflüchtigen“ in der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Des Weiteren soll von geglückten und gescheiterten Fluchtgeschichten berichtet werden. Die meisten Fluchtversuche endeten im Gefängnis, manche aber auch mit dem Tod der Fluchtwilligen. Seit 1960/1961 war der Einsatz von Schusswaffen gegen sogenannte „Grenzverletzer“ erlaubt. Ein weiteres Kapitel beschreibt die seit den 1970er Jahren auftretenden Botschaftsbesetzer und die Ereignisse der Flucht über die offene Grenze in Ungarn im Sommer 1989, die schließlich mit den Botschaftsflüchtlingen in Prag gleichfalls Impulse für die Friedliche Revolution in der DDR gaben. Ebenso wird die Öffnung der thüringischen Grenze zu Hessen, Bayern und Niedersachsen im November 1989 dargestellt und auf die heutige Aufarbeitung der deutsch-deutschen Trennung in Thüringen eingegangen.

Auch 26 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und dem Ende der deutschen Teilung sind nicht alle Todesfälle an der Grenze aufgeklärt.
Für Thüringen haben sich die Grenzgedenkstätten und der Landesbeauftragte seit langem diesem Thema gewidmet. Für Deutschland gibt es inzwischen ein Rechercheprojekt beim Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin, das Aufklärung zu ca. 500 ungeklärten Todesfällen sucht. 
Für die Todesfälle an der Grenze der anderen ehemals sozialistischen Staaten gibt es ein Forschungsnetzwerk bei der Platform of European Memory and Conscience. Der Aufklärung der Todesfälle an den bulgarischen Grenzen hat sich Prof. Dr. Stefan Appelius gewidmet. Auch außerhalb Deutschlands endete für einige Thüringer die Flucht aus der DDR tödlich.

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Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

Postfach 90 04 55 | 99107 Erfurt

Tel.: 0361 57 3114-951
Fax: 0361 57 3114-952
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