Dienstag, 17.Oktober 2017

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Die Flucht und Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudentenland begann im Herbst 1944 als die Rote Armee die östliche Grenze des Deutschen Reiches erreichte. Erst kurz zuvor hatten die nationalsozialistischen Behörden für die östlichsten Provinzen Evakuierungspläne herausgegeben. Aber statt einer geordneten Evakuierung setzte bald eine überstürzte und unsichere Massenflucht der deutschen Zivilisten ein. 

web.jpg(Karte "Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene" - freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland). 

Ab Januar 1945 verschob die Winteroffensive der sowjetischen Armee die Front rasch in Richtung Westen. Zahlreiche Flüchtlingstrecks gerieten nun zwischen die Fronten. In der Folge erfuhren viele Flüchtlinge gewaltsame Übergriffe durch Soldaten der Roten Armee, die, aufgestachelt durch die sowjetische Kriegspropaganda, Vergeltung für die menschenverachtende Aggressions- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten suchten. Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 setzten zunächst „wilde Vertreibungen“ ein. Willkürlich und oftmals gewalttätig wurde die verbliebene deutsche Bevölkerung vor allem aus dem Gebiet des heutigen Polen vertrieben. Bis zu 600.000 Menschen starben während der Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten; sie verhungerten, erfroren und waren gezielten Angriffen der Alliierten ausgesetzt.

Erst mit dem Potsdamer Abkommen vom August 1945, das unter anderen die politische und geografische Neuordnung Deutschlands festschrieb, wiesen die Alliierten eine ordnungsgemäße und humane „Überführung“ der Deutschen und Deutschstämmigen aus dem Osten an. Es folgten bis Ende der 1940er Jahre große Massenaussiedlungen nach festgelegten Aufnahmezahlen in die mittlerweile entstandenen vier Besatzungszonen. Bis Dezember 1947 nahm die sowjetische Besatzungszone etwa 4,3 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene auf, was ein Viertel der ostdeutschen Gesamtbevölkerung ausmachte. Im offiziellen Sprachgebrauch wurden die Neuankömmlinge bald als „Umsiedler“, ab 1948 als „Neubürger“ bezeichnet.

Nach Thüringen gelangten circa 686.000 Vertriebene und Flüchtlinge, wovon ein Großteil zunächst in Aufnahmelagern auf ihre Verteilung im Land wartete. In den Durchgangs- und Quarantänelagern wurden sie medizinisch untersucht, mitunter geimpft und entlaust. Die Sowjetische Militäradministration hielt die Ansiedlung vor allem in ländlichen Gebieten für sinnvoll, da hier die Verpflegung der vielen Menschen einfacher schien und ausreichend Wohnraum vorhanden war. Die Militärverwaltung verpflichtete die Einheimischen, entsprechend des Kontrollratsgesetzes Nr. 18 vom 8. März 1946, den Flüchtlingen und Vertriebenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Zudem beschlagnahmten die Behörden Inventar und verteilten es unter den Neuankömmlingen, denen es oft an dem Nötigsten fehlte. Die einheimische thüringische Bevölkerung, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit ebenso Not litt, hieß die Ostvertriebenen daher anfangs kaum willkommen – zumal diese in Massen ins Land strömten. Die „Fremden“ sprachen andere Dialekte, waren ärmlich gekleidet, übten unbekanntes Brauchtum aus und hatten vielmals eine andere Konfession als die Alteingesessenen. Vorurteile förderten die Ressentiments und die Vertriebenen und Flüchtlinge blieben zunächst unter sich. Gleichwohl waren viele Thüringer hilfsbereit und zeigten Mitgefühl mit den Neuankömmlingen. Deren Lebenssituation verbesserte sich allmählich in den 1950er Jahren. Zugleich schwand ihre letzte Hoffnung auf eine Rückkehr in die alte Heimat mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die DDR im Juni 1950.

Siehe auch Ausstellung in Neustadt/Orla

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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