Sonntag, 23.Juli 2017

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Der Landesbeauftragte widmet sich 2017 dem Thema „Flucht als Befreiung“. Wolf Biermann hatte kurz vor seiner Ausbürgerung 1976 verschiedene Formen der Flucht in bzw. aus der SED-Diktatur analysiert. Die markanteste Flucht war die gen Westen. Die erste Abstimmung mit den Füßen gab es schon kurz nach dem Krieg. Ein Teil der Thüringer Elite floh vor 70 Jahren vor politischer Verfolgung. Darunter auch der erste Ministerpräsident Rudolf Paul und die Alterspräsidentin der Beratenden Landesversammlung, Ricarda Huch, die schon 1945 Opfer der kommunistischen Zensur geworden war. Vor 40 Jahren gab es einen weiteren markanten Aderlass für Thüringen: Herausgetrieben wurden bedeutende Schriftsteller bzw. Künstler wie Reiner Kunze, Jürgen Fuchs, Hans Joachim Schädlich, Bernd Markowsky oder Doris Liebermann.

Auch viele Jugendliche versuchten dem Land der Perspektivlosigkeit zu entkommen. Dabei verlor u.a. Henry Weise aus Ranis das Leben. Andere wurden deshalb inhaftiert, und schließlich gegen Bezahlung durch die Bundesrepublik aus den Gefängnissen der DDR freigekauft. Der Kaufpreis für die Häftlinge wurde dabei seitens der DDR stetig erhöht.
Noch im letzten Jahr der DDR, 1989, flohen 76.000 Bürger teilweise Gesundheit und Leben riskierend, reisten aus oder wurden aus der Haft freigekauft. Trotz der nahezu unüberwindlichen Grenze und der Verfolgung jeden Versuches, das Land zu verlassen, entstand vor 40 Jahren eine Ausreisebewegung, die letztlich in die Friedliche Revolution mündete. Heute leben jene Thüringer dieser Ausreisebewegung weit verstreut in der Welt. Sie sind Softwareentwickler in den USA oder Kunsthistoriker in den Niederladen, Bauern in Portugal oder Italien, Studienräte im Saarland oder Physikprofessoren in Bayern. Ihre Befreiung wurde oft zum Lebensthema und ihre Erfahrungen gehören zu Thüringen. Über verschiedene Medien und Veranstaltungen werden sie 2017 thematisch und persönlich in die Thüringer Heimat zurückkehren.

Im Jahr 2015 waren mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Sie flüchteten und flüchten vor Krieg, vor lang schwelenden sowie neu ausgebrochenen Konflikten und aus Angst vor Verfolgungen. Die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen war noch nie so hoch wie heute und sie wird weiter steigen, wie der Halbjahresbericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) von 2015 zeigt. Flucht und Vertreibung werden durch die aktuellen Ereignisse auch den Deutschen gegenwärtig: Derzeit leben in Thüringen etwa 20.000 Flüchtlinge. Fern der Heimat suchen sie hier Schutz.
vetriebeneKein neues Phänomen, schon früher gab es Flucht und Vertreibung nach Thüringen – in deutlich größeren Ausmaßen. Zwischen 1944/45 und 1950 nahm das Land hunderttausende Vertriebene aus Schlesien, dem Sudentenland, Pommern und Ostpreußen auf. Ende 1948 lebten bereits über 680.000 Vertriebene in Thüringen, was einen Anteil von 22 Prozent an der damaligen Gesamtbevölkerung ausmachte. Die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten waren gezwungen ihren Platz in der Fremde zu finden.

Hier finden Sie eine Literaturliste wichtiger Publikationen bezüglich des Jahresthemas. Die Liste ist untergliedert in einen allgemeinen Bereich zum Thema Flucht und Vertreibung. Im Speziellen findet sich folgend eine Untergliederung zu Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten in die SBZ/DDR sowie Flucht und Vertreibung der Deutschen nach Thüringen. Weiterhin sind interessante Titel zu Migration und Flucht aus dem Ausland in die DDR und nach Thüringen aufgeführt. Zuletzt finden Sie Publikationen zum Thema Zwangsaussiedlungen in der DDR bzw. spezifisch in Thüringen sowie Literatur zum Komplex Abwanderung aus der DDR bzw. aus Thüringen vor 1989

Über diesen Link gelangen Sie zu der Literaturliste. 


Die Flucht und Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudentenland begann im Herbst 1944 als die Rote Armee die östliche Grenze des Deutschen Reiches erreichte. Erst kurz zuvor hatten die nationalsozialistischen Behörden für die östlichsten Provinzen Evakuierungspläne herausgegeben. Aber statt einer geordneten Evakuierung setzte bald eine überstürzte und unsichere Massenflucht der deutschen Zivilisten ein. 

web.jpg(Karte "Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene" - freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland). 

Ab Januar 1945 verschob die Winteroffensive der sowjetischen Armee die Front rasch in Richtung Westen. Zahlreiche Flüchtlingstrecks gerieten nun zwischen die Fronten. In der Folge erfuhren viele Flüchtlinge gewaltsame Übergriffe durch Soldaten der Roten Armee, die, aufgestachelt durch die sowjetische Kriegspropaganda, Vergeltung für die menschenverachtende Aggressions- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten suchten. Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 setzten zunächst „wilde Vertreibungen“ ein. Willkürlich und oftmals gewalttätig wurde die verbliebene deutsche Bevölkerung vor allem aus dem Gebiet des heutigen Polen vertrieben. Bis zu 600.000 Menschen starben während der Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten; sie verhungerten, erfroren und waren gezielten Angriffen der Alliierten ausgesetzt.

Allgemeine Einführung 

Die von den DDR-Behörden angeordneten Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze können als Vertreibung verstanden werden, die auch zur Flucht in den Westen führten. Triebfeder der organisierten Aussiedlungen waren die verschärften Grenzsicherungsmaßnahmen des SED-Regimes, die 1952 auf Anordnung der Sowjets begannen und als „Verteidigung gegenüber den westdeutschen Aggressionen“ propagiert wurden: Als Deutschland 1945 in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, entstand zugleich eine provisorische Grenze zwischen der sowjetischen und der britischen und amerikanischen Besatzungszone – die sogenannte Demarkationslinie.

Polizeiverordnung

 (Links zu sehen: "Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie" - freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch das Grenzlandmuseum Eichsfeld)

Die Zuspitzung des Ost-West-Konflikts, unter anderem im Koreakrieg ab 1950, aber auch die Annäherung der Bundesrepublik Deutschland an den westlichen Machtblock durch die Unterzeichnung des Deutschlandvertrages am 26. Mai 1952 führten dazu, dass entlang der 1.300 Kilometer langen innerdeutschen Grenze ein verschärftes „Grenzregime“ eingeführt wurde. Bis dahin hatten die Bewohner der Grenzgegend aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aufgrund familiärer und kultureller Beziehungen oftmals die nur wenig bewachte Demarkationslinie „illegal“ überschritten. Nun wurde die Grenze in einem dreifach gestaffelten System, bestehend aus einem 10-Meter breiten Kontrollstreifen, einem 500-Meter Schutzstreifen und einer 5-Kilometer Sperrzone, abgesichert. Alle Bewohner des 5-Kilometer Sperrgebietes wurden registriert und erhielten in ihrem Personalausweis einen Stempel mit der Aufenthaltsberechtigung für die Sperrzone. Die Bewohner des 500-Meter Schutzstreifens, die noch näher an der innerdeutschen Grenze lebten, mussten zusätzlich einen Stempel der Grenzpolizei in ihrem Ausweis vorweisen, wenn sie ihren Wohnort betreten wollten.

Der Flucht aus der DDR und speziell aus Thüringen zwischen 1949 und 1989 widmet sich das dritte Themengebiet Flucht und Vertreibung aus Thüringen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges flohen bereits viele Menschen vor den nahenden sowjetischen Truppen. Etliche verblieben auch gleich im Westteil Deutschlands und kehrten nicht in ihre Heimat in Thüringen zurück. Als Motive können hierbei die persönliche Belastung aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch eine Gefährdung aus politischen Gründen angenommen werden, die im Zuge der Sowjetisierung in der Besatzungszone mit Enteignungen, Zwangsvereinigungen politischer Parteien und Verfolgungen einhergingen. Genaue statistische Zahlenangaben sind in diesen Fällen und generell zur Fluchtbewegung aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) schwer zu ermitteln. Basierend auf einer Volkszählung von 1950 in der Bundesrepublik wanderten zwischen 1944/45 und 1949 schätzungsweise insgesamt 876.200 Menschen, die 1939 ihren Wohnsitz in der späteren SBZ hatten, in die drei westlichen Zonen aus. Nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 und bis zum Mauerbau im August 1961 wurden dann 2,75 Millionen Flüchtlinge gezählt, die den sozialistischen Staat in Richtung Westen verließen. Die Errichtung des verschärften Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze verhinderte ab dem Jahr 1952 die legale Übersiedlung; die Flucht erfolgte fortan unter gefährlichen Bedingungen. DDR Grenzsoldaten auf Posten oberhalb der WerraMit dem Inkrafttreten des Pass-Gesetzes am 15. September 1954 wurde schließlich der „ungesetzliche Grenzübertritt“ strafbar. Nun konnte selbst der Fluchtversuch mit bis zu zwei Jahren, später sogar im „schweren Fall“ mit bis zu acht Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Dennoch sind viele Menschen „republikflüchtig“ geworden, vor allem 1953 (331.000 Flüchtlinge) und zwischen 1955 und 1957 (durchschnittlich 250.000 Personen im Jahr). Die Gründe zur Flucht bis zum Mauerbau gingen auf politische und sozioökonomische Gegebenheiten in der DDR zurück, die zumeist mit konkreten Ereignissen verbunden waren: Die Abriegelung der „Grünen Grenze“ ab 1952, der im gleichen Jahr auf der 2. Parteikonferenz der SED beschlossene „Aufbau des Sozialismus“ mit zahlreichen Veränderungen (Kollektivierung in der Landwirtschaft, weitere Verstaatlichung, Kirchenkampf usw.), der Volksaufstand am 17. Juni 1953, die feste Einbindung in den Ostblock ab 1955, die Gründung der Nationalen Volksarmee und das rigorose Vorgehen gegen reformkommunistische Kräfte innerhalb der SED nach dem kurzen „Tauwetter“ sowie die blutige Niederschlagung der Aufstände in Polen und Ungarn durch sowjetische Truppen 1956. Vor allem junge Menschen zwischen 25 und 44 Jahren flohen in den 1950er Jahren massenhaft in die Bundesrepublik Deutschland:

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Interaktive Karte
Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

Cover Bericht

Kontakt

Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

Postfach 90 04 55 | 99107 Erfurt

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