Montag, 11.Dezember 2017

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TodesurteileUmfangreiche Recherchen in russischen, aber auch in deutschen (BStU) und amerikanischen Archiven machten es möglich, eine Lücke der Geschichte sowjetischer Besatzung zu schließen. Ein Forschungsverbund zwischen dem Hannah-Arendt-Institut (Dresden), der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und des Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam) legten die vorläufigen Forschungsergebnisse vor. Das Autorenteam Andreas Weigelt (Gedenkstätte Lieberose), Klaus-Dieter Müller (ehemals Stiftung Sächsische Gedenkstätten), Thomas Schaarschmidt (Zentrum für Zeithistorische Forschung) und Mike Schmeitzer (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresdenan der Technischen Universität Dresden) hat 3.301 Todesurteile gegen Deutsche recherchiert, von denen wohl 2.542 vollstreckt wurden. Sie werteten dafür mehr als 30.000 Datensätze zu sowjetischen Militärtribunal-Urteilen aus.
Andreas Weigelt, Klaus-Dieter Müller, Thomas Schaarschmidt, Mike Schmeitzner (Hg.): Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947). Eine historisch-biographische Studie

Der Studie ist eine DVD beigefügt mit 2469 Kurzbiographien von im Zeitraum 1944 bis 1947 durch Sowjetische Militärtribunale zum Tode verurteilten Deutschen. Neben den Biogrammen konnten auch statistische Analysen vorgenommen werden. Dabei kamen die Autoren u.a. zu dem Ergebnis, dass bei der den bis zum Frühjahr 1947 zum Tode verurteilten, hauptsächlich Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu Grunde lagen. Nur ein Drittel der in dieser Zeit verurteilten wurde rehabilitiert. „Dass der deutschen Öffentlichkeit weder damals noch heute in dem notwendigen Maße bekannt geworden ist, wie hoch der Anteil von NS - Delikten bei den 1944 bis 1947 zum Tode Verurteilten war, liegt nicht in erster Linie an einer etwaigen Weigerung, Verbrechen oder moralische Schuld anzuerkennen, sondern an der spezifischen Durchführung der Prozesse und der Informationspolitik der Sowjetunion. Fast alle Verfahren mit Todesurteilen waren – ebenso wie die sonstigen SMT - Verfahren – Geheimprozesse, fanden also unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Hinzu kam, dass den Angehörigen in vielen Fällen keine Informationen über den Prozess bzw. seinen Ausgang gegeben wurden, trotz vielfältiger Nachfragen bei sowjetischen und deutschen Behörden. Nicht einmal die Tatsache, dass überhaupt Prozesse stattgefunden hatten, wurde in diesen Fällen eingestanden. Die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen und dem sowjetischen Roten Kreuz bot seit den späten 1960er Jahren die Möglichkeit, Nachrichten vom Tod der Angehörigen zu erhalten, wenn auch die Angaben zum Todesdatum teilweise gefälscht waren. Viele Verurteilte waren aber für ihre Angehörigen einfach verschwunden und blieben es auch bis Anfang der 1990er Jahre, als die Öffnung der Archive in der ehemaligen UdSSR bzw. der untergegangenen DDR, ebenso wie das russische Rehabilitierungsgesetz, die Möglichkeit zu Nachforschungen und Schicksalsklärungen ermöglichten.“ (Vorwort)

Angehörige der Opfer haben auch weiterhin die Möglichkeit, sich an die Dokumentationsstelle Dresden der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zu wenden. Sie führt ihre Auskunfts- und Sammlungstätigkeit im Auftrag des Auswärtigen Amtes fort. (Datenbank VerurteilteVerurteilte)

Das unvollständige Verzeichnis der durch sowjetische Militärtribunale zum Tode verurteilten Thüringer bzw. in Thüringen verhafteten ist hier zu finden: Liste der Todesurteile PDF

Bei der Präsentation der Forschungsergebnisse am 18. Mai 2016 in Jena (Universitätsbibliothek) waren verschiedene Thüringer Verurteilte Thema: Vertreter des NS-Polizeibataillon 311 (Jena), die Greußener Jugendlichen und ein Kohlenhändler aus Erfurt.
Iwan Lippold wurde 1899 in Langensalza geboren, lebte in Erfurt und führte als Inhaber die Firma Oskar Lippold Kohlen- Groß- und Kleinhändler und holzverarbeitender Betrieb. Er war seit 1934 Mitglied der NSDAP. Am 09.12.1945 wurde er in Erfurt festgenommen und am 15.12.1945 vom sowjetischen Militärtribunal der 22. Artilleriedivision zum Tode durch Erschießen verurteilt. Der Vorwurf lautete: Kriegsverbrechen, Beschäftigung von 20 polnischen und 15 sowjetischen Zwangsarbeitern und systematische physische Bestrafung und Misshandlung dieser Arbeiter für Verfehlungen (Rechtsgrundlage: Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets über Maßnahmen zur Bestrafung der deutsch-faschistischen Übeltäter, die der Ermordung und Mißhandlung der sowjetischen Zivilbevölkerung und der gefangenen Rotarmisten schuldig sind, sowie der Spione und Vaterlandsverräter unter den Sowjetbürgern und deren Helfershelfern vom 19.04.1943). Die Tochter von Iwan Lippold, Christel Barthels, zeichnet in ihren veröffentlichten Erinnerungen ein anderes Bild des Vaters: Er sei ein gutmütiger Mensch gewesen und von einem Dritten denunziert worden, der sich nach dessen Verhaftung prompt als neuer Geschäftsführer der Firma einsetzte. Nach der Verurteilung wurde die Familie enteignet. 1995 hat die russische Hauptmilitärstaatsanwaltschaft das Urteil gegen Lippold aufgehoben und für unrechtmäßig erklärt. Im Urteil war festgehalten worden, dass sich die Zeugen widersprachen.

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

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Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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