Freitag, 20.Oktober 2017

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Andreas Frewer und Rainer Erices (Hg.), Medizinethik in der DDR. Moralische und menschenrechtliche Fragen im Gesundheitswesen (Geschichte und Philosophie der Medizin, Band 13), Stuttgart 2015

Der Band enthält 13 Aufsätze und 3 Schlüsseldokumente (siehe Verlagsinformation).

Der Bogen der Beiträge ist weit gespannt: Einerseits werden die gesundheitlichen und sozialen Folgen staatlicher Repression in den Blick genommen und auf der anderen Seite das Menschenbild bzw. die Ethik mit der das medizinische Handeln in der DDR reflektiert wurde.

Rainer Erices (Dr. Arzt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Antje Gunz (Oberärztin und Professorin für Psychosomatik und Psychotherapie an der Psychologische Hochschule Berlin) haben eine Fülle an Stasiunterlagen danach untersucht, welche Probleme es im Gesundheitswesen in den 1980er Jahren gab. Die Auflistung ist lang: Es gab zum Teil katastrophale Engpässe bei Medikamenten und Verbrauchsmaterialien (Kompressen, Spatel, Gummihandschuhe, Hormonpräparate oder Blutverdünner). So hieß es in einem Leipziger Bericht, der Mangel sei eine „generelle Erscheinung im staatlichen Gesundheitswesen“ (S. 17). Hinzu kam der Bauzustand vieler Kliniken und noch mehr der Feierabend und Pflegeheime. Teilweise dramatisch war der Ärztemangel. Der nahm am Ende der DDR zu. Allein im Bezirk Erfurt hatten Anfang 1988 rund 100 Ärzte einen Ausreiseantrag gestellt. Die SED-Führung konnte viele der Probleme nicht lösen, aber war umfänglich mit Hilfe der Stasi informiert. Fast alle Bezirksärzte oder ihre Stellvertreter waren zugleich Mitarbeiter der Staatssicherheit. In manchen Fällen gab es zudem auch medizinische Kooperationen (Vertragsärzte). Trotz der genauen Kenntnis der Probleme gab es bis zum Ende der SED-Herrschaft keine Reform des Gesundheitswesens.

Francesca Weil (Dr., wiss. Mitarbeiterin am Hannah-Arendt-Institut Dresden) fasst in einem kurzen Aufsatz die Kenntnisse über ca. 450 von ihr untersuchte Ärzte, die inoffizielle Mitarbeiter des MfS in der DDR waren, zusammen. Auch wenn die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht in der DDR strafrechtlich geahndet wurde, haben gab es viele Übergaben von Krankendaten und Berichten über Patienten an die Staatssicherheit. Francesca Weil untersucht auch, wie mit der Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht nach dem Ende der SED-Herrschaft verfahren wurde. Sie stellt fest, dass 7 % der Ärzte, die mit der Staatssicherheit zusammenarbeiteten bis 1989 in den Westen gegangen waren. Sie fanden dort Anstellungen und wurden nicht auf eine inoffizielle Mitarbeit überprüft. In den östlichen Bundesländern wurde "fast die Hälfte der 21 Interviewten, vom MfS als IM registrierten Ärzte [...] nicht direkt mit ihrer Vergangenheit als IM konfrontiert" (S. 54). So kommt die Autorin zu dem Ergebnis "Nach 1989/90 konnten sich ehemalige IM-Ärzte aufgrund der privilegierten Stellung ihres Berufsstandes [...] den Konsequenzen ihres politischen Handelns in der Vergangenheit entziehen." (S. 57)

Markus Wahl (Universität Kent) untersuchte die Beziehung zwischen der SED bzw. dem MfS und den Ärzten, die in den 1970er Jahren die DDR verlassen wollten. In der ersten Hälfte der 1970er Jahren waren Ärzte die größte Gruppe der mit Hilfe von Schleusern aus der DDR geflohenen.1975 und 1976 waren es zusammen über 200 Ärzte. Die Ärztefluchten waren deshalb immer wieder ein Thema in der Transitkommission (DDR-BRD). Markus Wahl spricht von einem "Zerfall der Beziehung zwischen Staat und medizinischer Intelligenz sowie den stetig wachsenden Antagonismus zwischen den Ansprüchen der DDR und den alltäglichen Erfahrungen der Ärzte am Ende der 70er Jahre." (79)

Dr. med. Dr. phil. Andrea Quitz (Ärztin, Ansbach) widmet sich in ihren medizinethischen Beiträgen den Fragen von Beginn und Ende des Lebens. Wie sich die rechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs in den beiden Teilen Deutschlands gegenseitig beeinflussten, wurde noch nicht untersucht. Ein Beitrag ist die Untersuchung des politischen Kontextes und der ethischen Bewertung der DDR-Fristenlösung. Mit der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in der Sowjetunion und der gesetzlich garantierten Kostenfreistellung im Jahre 1920 galt die Fristenlösung als ein linkes Projekt. Andrea Quitz beobachtet am Ende der DDR in verschiedene DDR-Publikationen zur Medizinethik wie ethischen Konflikte utilitaristisch reflektiert und den "gesellschaftlichen Erfordernissen" angepasst wurden. So hieß es in einer weltanschaulich-ethischen Studie aus dem Jahre 1984 zur Situation in der DDR: "Alle Kinder können als Wunschkinder geboren werden." (112). In ihrem Aufsatz zu "moralischen Fragen von Sterben und Tod" beschreibt sie, wie sich am Ende der DDR Parallelstrukturen (Krisenberatung, Sterbebegleitung bzw. Hospizbewegung) entwickelten und in der Medizinethik dazu erste Reflexionen erschienen.

Anne Mesecke (Leipzig) widmet sich einem großen Medizinskandal der DDR: mehrere Tausend junge Mütter wurden im Rahmen einer Routine-Immunisierung (Anti-D-Prophylaxe) 1978/79 mit Hepatitis-C-Viren infiziert. Neben der Beschreibung, wie das Risiko der Infizierung einkalkuliert wurde und wie mit den betroffenen Frauen - von ihren neugeborenen Kinder und Partner isoliert - umgegangen wurde, thematisiert Anne Mesecke auch die umfänglichen Entschädigungen für inzwischen 2.615 anerkannte Opfer durch die Bundesrepublik und stellt fest: "dennoch kämpfen viele Betroffene bis heute" (126).

Im Nachwort zeigen Andreas Frewer, Ulf Schmidt und Rainer Erices anhand verschiedener Publikationen, wie eine unkritische Beteiligung von ehemaligen inoffiziellen Stasimitarbeitern in medizinethischen Publikationen eine kontextualisierende Auseinandersetzung mit der DDR im Wege stehen. Dies wird insbesondere an der Nichtthematisierung der Medizinopfer in diesen Publikationen festgemacht. In diesem Band ist auch ein Beitrag, der sich der Lage der Opfer heute widmet: Kornelia Beer (Mittweida): "Der lange Schatten der Geschichte. Weiterleben nach politischer Haft in der DDR". Die Autorin zeigt, wie notwendig Empathie und eine gesellschaftliche Verurteilung der Verbrechen, unter deren Folgen die Opfer heute noch leiden, für deren Heilungsprozesse sind.

 

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