Freitag, 28.April 2017

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Der Abend mit Günter Grass und Johano Strasser in der Wohnung des Schriftstellers Frank-Wolf Matthies im November 1980 war heiß, auch wenn Günter Grass geschickt nur aus der auch in der DDR abonnierbaren rumänisch-deutschen Zeitschrift "Neue Literatur" las – einen kurz zuvor dort erschienenen Auszug aus "Kopfgeburten oder die Deutschen sterben aus". Wer hatte die Idee? Womöglich die Lektorin Krista Maria Schädlich, die Matthies zu Rowohlt und mich zum Ullstein Verlag brachte. Lesekreise und politische Grüppchen gab es mehrere in Ost-Berlin, bei Matthies war einiges anders. Der begnadete, liebevolle – und mitunter unausstehliche – Frank-Wolf wollte nicht nur die literarische Emanzipation von allen staatlichen Vorgaben, er betrieb nebenher auch die Verflechtung zur politischen Opposition hin. Neben DDR-Autoren wie Adolf Endler, Elke Erb oder Kurt Bartsch war auch Robert Havemann gelegentlicher Gast der Abende.

Eine sich emanzipierende literarisch-politische Opposition in Ost-Berlin und ihre ausgereisten und aus der Haft hinausfreiwilligten Freunde in West-Berlin formierten sich gerade gemeinsam. Und nun kam die Verbindung zu der von Grass und Heinrich Böll gegründeten Zeitschrift "L'76" hinzu, die osteuropäische und DDR-Dissidenten unterstützte und ihnen eine Plattform bot, abseits des Realsozialismus über gesellschaftliche Perspektiven nachzudenken. Die DDR-Oberen hassten nichts an Günter Grass so sehr (vielleicht neben seinem Theaterstück über den 17. Juni) wie seine Beteiligung an dieser Zeitschrift. Und nun wollte er dort noch eine über die deutsche Ost-West-Kulturnation beginnen.


Der Abend kam nach der Lesung mit der Diskussion richtig in Fahrt. Wir mussten uns kurz fassen, denn unsere Besucher hatten ja bis Mitternacht die Grenzkontrolle nach West-Berlin wieder zu passieren. Günter Grass stellte für den Herbst 1980 die Frage aller Fragen brillant auf den Punkt: "Wie könnt ihr polnische Verhältnisse in der DDR erreichen und wie können wir euch dabei unterstützen?" In Polen hatte mit Solidarność die Streiks und die Infragestellung des Systems begonnen.


Ich war wie elektrisiert. Es ist bezeichnend, dass die Stasi-Akten seine Frage nicht schildern – als scheuten sie sich durch Wiederholung des brisanten Kernsatzes den Abend im Nachhinein zur Wirkung zu verhelfen. Der verbale Erweckungskuss von Grass wurde durch die Verhaftung von Matthies und mir am 19.11. betäubt. Nach 10 Tagen intensiver Verhöre und diverser Drohszenarien wurden Matthies und ich entlassen, Ende Februar 1981 der ebenfalls verhaftete Thomas Erwin. Unsere Verfahren wurden alle eingestellt. Da lebte Matthies mit Familie schon in West-Berlin, Grass und Strasser durften jahrelang nicht mehr in die DDR einreisen. Und ich hatte es am Prenzlauer Berg mit dem immer wichtigeren Gegenüber, Freundfeind, Vertrauten und Saboteur Sascha Anderson zu tun.

Aus den Manuskripten von Lutz Rathenow, Sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen

 

 


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