Dienstag, 25.September 2018

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Annonce webDie Hartnäckigkeit seiner Eltern ermöglichte dem Pfarrersohn Alexander Kobylinski doch noch das Abitur. Ein Studienplatz bekam der unangepasste Abiturient jedoch nicht. Sein ständiges Hinterfragen hatte Lehrer und Direktor genervt, seine Abiturrede den Stadt- und den Bezirksschulrat erbost und aufgrund seiner pazifistischen Aktionen rief die SED die Stasi und ihre Partner auf den Plan (s. auch Peter Wensierski: Diese Ratte. „Man kann eine Sache auch 20 Jahre falsch machen“: Mit seiner Abiturrede empörte der langhaarige Querkopf Alexander Kobylinski 1983 die SED-Kader im Publikum. Der Pfarrerssohn wurde drangsaliert - doch bereut hat er es nicht. (Link: http://www.spiegel.de/einestages/ddr-abitur-rede-die-rebellen-von-weimar-a-1052113.html). 

Zwei Wochen vor Ende der 10. Klasse durfte Alexander Kobylinski 1981 an die EOS „Friedrich Schiller“ wechseln. Er notierte in seinem Tagebuch:

 

„Erster Tag auf der Penne
7 00 – Beim Direktor, stellv. Dir[ektor] mit anwesend: ‚Da Sie mitten im Schuljahr zu uns kommen, wollen Sie sicher Offizier werden.‘
Ich antwortete ihm: ‚Nein, ich möchte bloß das Abitur machen.‘
1. Std. – D[irektor] – dieselbe Frage, dieselbe Antwort
2. Std. bei Klassenlehrer Günzler, kommt mit Dampf aus dem Vorbereitungsraum, Meldung, sein erster Satz: ‚Schau wieder so ein neues Element, das bringt nur Unruhe.‘“
„13.12.81 Kriegsrecht in Polen verhängt“
„14.12.81 Schule: 1. Std. = Belehrung zu Polen
Diskussionen in der Schule, Schüler machen sich lustig
Nach der Pause folgende Maßnahmen: ‚Die nächsten drei Tage muß jeden Tag ein Zettel zum Direktor mit dem Gesprächsstoff, der in der Klasse kursiert.‘
(8) ‚Agitatoren“ müssen jede Provokation + Provokateur dem Direktor melden.“
„26.5.82 FDJ-Versammlung: Einberufen aus folgendem Grund: Schüler X kommt als Offiziersbewerber an die Schule, in der 11. Klasse gibt er bekannt, dass er dies nicht mehr tun möchte.
Beginn: Stellungnahme des Schülers: als ich mich dazu entschied, konnte ich nicht alles abschätzen usw.
Es werden Stellungnahmen verlangt.
Ich: betone auch, daß man da zu jung ist, mit mat[eriellen] Reizen gelockt, unter Druck steht.
Lehrer fällt mir ins Wort, daß es doch wohl nicht darum ginge; spricht sehr laut und würgt damit alles ab. ‚Jetzt geht es um X‘. ‚Ich‘ kann ihre Entscheidung nur politisch deuten, und einige andere Leute in der Klasse sind ja auch politisch labil.
‚Das ist keine politische Entscheidung, das ist eine rein persönliche Entscheidung.‘
‚Wenn es keine politische war, dann war es ja sicher eine ökonomische, und die Leute, die solche Entscheidungen treffen, sind ja auch die, die dann einmal abhauen.‘
Ich: ‚Vorhin warfen sie mir vor, ich würde mit Vermutungen arbeiten, sie aber arbeiten mit Unterstellungen, gegen die ich mich verwehre, man kann doch nicht jeden zum Staatsfeind machen.‘“
Er ist etwas betreten.
Sonstiges: Hat im Verlauf der Versammlung immer leiser gesprochen. Ist einem ständig ins Wort gefallen.“ (Tagebuch in den Akten der Staatssicherheit - BStU, MfS, BV Erfurt, AU 14/85, Bd. 1, 217f.)

Alexander Kobylinski hielt am Abend des 01.07.1983 die übliche Dankrede eines Abiturienten der EOS „Friedrich Schiller“. Darin sprach er gesondert Lehrer, Eltern und Mitschüler an und benannte den Zweck seiner Rede abschließend mit dem Satz:
„Und ich will euch damit sagen: Wir müssen lernen, mehr in eigener Verantwortung zu denken und zu handeln. Wir und unser Land brauchen Aufrichtigkeit“ (A.a.O., Bd. 2, Gerichtsakte 76. - Link: http://www.spiegel.de/media/media-37526.pdf).

Drei Tage später, der Bezirksschulrat Genosse Lange vermerkte handschriftlich den Anruf von Genossen Germer vom 04.07., 9.15 Uhr, der beim Abiturball anwesend war:
„Pfarrerssohn, vom Mikro aus eine Rede gehalten.
Darin ging es gegen die Rüstung auf beiden Seiten, [dieses Thema ist in der Abiturrede nicht zu finden; Anm. d. Verf.] ferner hat er die Lehrer gröblichst diffamiert, anschließend die Eltern.
Schriftl. Meld[ung]. folgt“ (Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirkstag und Rat des Bezirkes Erfurt – Abteilung Volksbildung Altregistratur Nr. 32008, Bl. 97 r.).

In diesem Schreiben vom 06.07.1983 schilderte Genosse Germer den Abiturienten als „Problemschüler“, der „in Diskussionen … keine klare Position zu unserem sozialistischen Staat, zur Schule, zur FDJ usw. (bezog)“ (A.a.O., Bl. 100r.). An den Rand von Germers Brief schrieb Lange wütend:
„Wie konnte das geschehen?“, „Keiner eingeschritten?“ Und der SED-„Pädagoge“ benannte die übliche Bestrafung, die Karriere des Renitenten zu beeinflussen: „Warum keine Info an die zuk[ünftige] Studienstelle? Sofortige Kontrolle…?“ (Ebd.).
Über das Gespräch mit Germer am 20.07.1983 vermerkte Lange handschriftlich die Information:
„Der Schüler erhielt keinen Studienplatz.
Dr. Germer behält unter Kontrolle, ob er ab 1.9. eine Arbeit aufnimmt“ (A. a. O., 98r.).

Die Wohnung seines Freundes in der Mozartstraße war „verwanzt“, weshalb die Stasi von der nächtlichen Aktion der vier Jugendlichen erfuhr, ein Flugblatt anzufertigen:
„Liebe Mitbürger!
Am 6. Mai dieses Jahres finden die Wahlen zu den örtlichen Volksvertretungen statt.
Die Probleme unseres Landes wachsen ständig.
Das Problem der Umweltverschmutzung nimmt auch bei uns immer erschreckendere Formen an. Es werden jedoch keine nennenswerten Anstrengungen seitens der Regierung und der örtlichen Organe unternommen, gerade auch dieses Problems Herr zu werden. Vielmehr werden seit Jahren mit den gleichen Phrasen andere Stimmen mundtot gemacht.
Die Friedenspolitik fügt sich ohne Widerrede in den Wahnsinn der Blocklogik.
Der innerpolitische Druck auf Friedensbewegte wächst ständig.
Die Probleme, vor denen wir unausweichlich stehen, werden nicht durch ideologischen Starrsinn gelöst werden.
Ihr wählt manchmal andere Namen, aber die Ziele und Mittel bleiben die gleichen. Wir müssen endlich das Bewusstsein für die Situation entwickeln.
Auch die örtlichen Volksvertretungen sind Repräsentanten einer gescheiterten Politik.
Wir müssen HANDELN, bevor wir an den Folgen einer solchen Politik zu Grunde gehen.
Ihr ganz persönlicher WAHLBOYKOTT und der Ihrer Freunde und Bekannten ist Ausdruck für dieses Bewusstsein, ein Signal für die Herrschenden.“ (Link: http://www.spiegel.de/fotostrecke/ddr-abitur-in-den-achtzigern-die-rebellen-von-weimar-fotostrecke-129910-10.html)

Morgens, am 25.01.1984 erfolgte der Zugriff. Am 17.07.1984 wurden die vier Jugendlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt; Alexander Kobylinski zu zwei Jahren Haft wegen § 214 StGB (Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit). Durch die Bundesrepublik erfolgte der Freikauf aus der Strafhaft in Chemnitz am 16.01.1985.
Weil er nicht ertrug, dass die nachfolgende Generation nicht angemessen über die SED-Diktatur informiert wird, unterstützte Alexander ab 2007 als Zeitzeuge die Bildungsarbeit mit Schülern in Thüringen.
Etwas später übernahm er die Mammut-Arbeit, sich durch den Aktenberg des IM „Thorsten“ hindurchzuarbeiten. 2015 erschien als Pionierwerk sein Buch: „Der verratene Verräter. Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel“ (Link zu Interview von Peter Wensierski mit Alexander Kobylinski zu seinem letzten großen Projekt). Den zugehörigen Film zum Fall Schnur hatte Alexander Kobylinski in diesem Jahr geschafft. 

Sein Mut hat andere angesteckt, seine Klarheit andere aufgeweckt. Er fehlt uns.

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