Mittwoch, 23.August 2017

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Ein Beispiel für die literarische Bearbeitung der Geschichte verfolgter Juden im 20. Jahrhundert bietet die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková mit ihrem Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“.
Radka Denemarková wird das Werk im Rahmen einer Buchvorstellung am 2. Dezember 2016 um 13:30 Uhr in der Aula des Ulf-Merbold-Gymnasiums in Greiz vorstellen. 

Eine Buchbesprechung von DDR-Bürgerrechtler Wolfram Tschiche: 

Die Heldin des Romans, Gita Lauschmann, gehört der sudentendeutschen Bevölkerungsgruppe an. Zugleich ist sie Jüdin, die im NS-Vernichtungslager alle Familienangehörige verloren hat und nur knapp mit dem Leben davonkam. Jetzt kehrt die Sechzehnjährige heim, erschöpft und voller Hoffnung. Jedoch ist ihr Elternhaus von einem tschechischen Elternpaar besetzt und Gita muss die Erfahrung machen, dass sie kein Platz mehr hat, der ihr gehört, dass man ihr all ihren Besitz streitig macht und sich ihr gegenüber aggressiv zeigt.

Eine solche Erfahrung mussten auch andere machen, die sich in einer vergleichbaren Situation befanden wie die Romanheldin. Eine besonders perfide Umkehrung der Tatsachen konnte Behauptung sein, dieser Besitz sei sowieso unrechtmäßig erworben worden und die Vorbesitzer seien Nazis, zumindest Nazi-Kollaborateure gewesen und somit zu Recht enteignet worden.

Die neuen Herren im Dorf nebst ihren Ehefrauen haben sofort, drei Monate nach dem Zweiten Krieg neue Verhältnisse geschaffen und allen Besitz unter sich aufgeteilt. Als verschworene Gemeinschaft halten sie gegen „den Feind“ von außen zusammen; in diesem Fall sind es die Deutschen, auch deutschsprachige Juden. Man ist nicht gewillt, irgendetwas freiwillig wieder herzugeben. Das Unrechtmäßige und Amoralische ihrer Haltung kann offenbar nur mit Kaltblütigkeit durchgesetzt werden. Das Mädchen Gita, gerade einem Vernichtungslager entkommen, wird als Nazi beschimpft, als „dreckige Deutsche“ gebrandmarkt, grausam misshandelt entkommt ihrem Tod – sozusagen ein zweites Mal – nur knapp mithilfe ausgerechnet der Frau, die nun ihr Elternhaus bewohnt und es zeitlebens beanspruchen wird.

Nach dem Krieg erinnert man sich umgehend daran, dass die Familie Lauschmann jüdisch und deutschsprachig war und denunziert sie bei den neuen staatlichen Organen. Dieser Umstand liefert zugleich die Legitimation für das Beharren auf Rechtmäßigkeit der Enteignung und die moralische wie politische Notwendigkeit, sich gegen besagte Feinde zu schützen.
Bereits Anfang der 1950 Jahre versucht Gita über eine Teilrückgabe zu verhandeln; selbst hochschwanger möchte sie lediglich das Haus zurück. Vor allem geht es ihr um die Rehabilitierung ihrer Vaters. Jedoch begegnet man ihr mit unverhohlenem Hass, flankiert von antisemitischen und nationalistischen Parolen- die berüchtigten Slansky-Prozess sind gerade vorüber. Wiederum beschimpft man sie als Nazischwein, bekräftigt die Vorwürfe gegen ihren Vater, den deutschen Ausbeuter und vermeintlichen „Ehren- Arier“.

2005, nach der Rehabilitierung der Familie, beschließt sie nunmehr nach nunmehr 60 Jahren diese Geschichte zu Ende zu bringen. Jetzt hat sie es hauptsächlich mit der Söhne- und Töchtergeneration zu tun, die ihr mit noch selbstgefälligeren, weil geborgtem Ressentiment begegnet und die auf keinen Fall etwas hergeben und die unangenehme „deutsche Alte“ so schnell wie möglich wieder loswerden will. Gita lebt übrigens seit Kriegsende als Tschechin in Prag und ist entschlossen, nicht nur ihr Eigentum für sich zu reklamieren, sondern sie will darüber hinaus diejenigen, die keine Verantwortung für ihr Tun übernommen haben, damit konfrontieren.

Mit plastischer Sprachmacht wagt dieser kompromissloser Roman, für den die Autorin mit dem bedeutendsten tschechischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, einen Blick auf die verdrängte deutsch – tschechische Nachkriegsgeschichte.
Denemarkova setzt sich publizistisch für den Schutz für Juden und Roma ein sowie überhaupt für Minderheiten und Menschenrechte. Immer nimmt sie die Perspektive der Schwachen und Opfer ein.

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