Mittwoch, 23.August 2017

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Am 23. Januar 2016 tagte der Bund der Zwangsausgesiedelten (BdZ) in Erfurt. Die Präsidentin des BdZ, Marie-Luise Tröbs, fordert für die Betroffenen und Hinterbliebenen weitere Entschädigungen. Ministerpräsident Bodo Ramelow strebt dafür eine Bundesratsinitiative an (DIE WELT 22.01.2016).

Auf der Mitgliederversammlung wurde das Präsidium des Bundes neu gewählt: Marie-Luise Tröbs (Präsidentin), Theodor Müller (Vizepräsident).

Der Thüringer Ministerpräsident hatte sich am 2. Oktober 2015 mit der Präsidentin und weiteren Vertretern des BdZ getroffen und kurz darauf im Plenum des Thüringer Landtags Folgendes gesagt: "Ich habe heute Morgen mit unserer Staatssekretärin, Frau Dr. Winter, den Bund der Zwangsausgesiedelten hier im Landtag getroffen und eine sehr intensive Besprechung gehabt mit dem Bund der Zwangsausgesiedelten über die Fragen nicht nur der politischen Bewertung, ich glaube, da sind wir uns einig, das was den Menschen in der Aktion 'Kornblume' und in der Aktion 'Ungeziefer' angetan wurde, war schlimmste Menschenrechtsverletzung. (Beifall CDU, DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und es ist eine Menschenrechtsverletzung, die bis heute fortwirkt. Daran beißt die Maus keinen Faden ab. Wer das rechtfertigt, wer da drüberschwurbelt, der wird den Menschen nicht gerecht. Deswegen hat es heute Morgen eine intensive Beratung gegeben. Der Bund der Zwangsausgesiedelten sagt, sie fühlen sich seit 25 Jahren nicht ordentlich und nicht gerecht begleitet. Das sagen sie an die Adresse aller Akteure. Deswegen sage ich das überhaupt nicht parteipolitisch, sondern sage, wir müssen uns daran messen lassen. Die Entschädigungsverfahren bei den Zwangsausgesiedelten sind bis heute nicht ordentlich geregelt, sondern man hat ihnen die Häuser noch mal weggerechnet – in einer Art und Weise, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte –, dass man sagt, man hat 1997 einen Bescheid gegeben und 2004 sollen sie Geld bekommen. Dann stellen sie fest, sie sollen das Haus noch mal bezahlen, denn sie hätten ja zu DDR-Zeiten schon Geld dafür bekommen. Das ist ein unglaublicher Vorgang.

Ich kann nur sagen: Ich fühle mich motiviert mit Ihnen zusammen, und wenn Sie helfen, bei der Bundeskanzlerin an dieser Stelle auch zu intervenieren, ich fühle mich jedenfalls berufen, meine Ministerpräsidenten-Kollegen aus den neuen Ländern einzuladen und zu sagen: Darüber muss erneut geredet werden, das kann man so nicht machen. So kann man mit den Menschen, die in der Aktion 'Kornblume' und in der Aktion 'Ungeziefer' behandelt worden sind, so kann man mit denen im 25. Jahr der Deutschen Einheit nicht umgehen."

Siehe auch http://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/ramelow-bundesratsinitiative-ddr-zwangsumgesiedelte100.html

Der Landesbeauftragte stellte die Zwangsaussiedlungen 1952 und 1961 in den Kontext der kommunistischen Deportationen. Während die Zwangsaussiedlungen bis zum Ende der SED-Diktatur in der DDR Tabu waren, erschien 1988 in der DDR der Erzählband "Kopie eines Alptraums" der rumänischen Dissidentin Ana Blanidiana. In einer der Erzählungen wurde darin über die Deportation einer Hochzeitsgesellschaft im Jahre 1951 aus dem Grenzgebiet in die Baragan-Steppe berichtet. In aller Dramatik wird erzählt, wie die verbannten Familien ohne fremde Hilfe ihr Leben in der Steppe neu aufbauen mussten: ein Haus in einer Erdgrube und Samensammeln für den Ackerbau: "Außerdem verwandten sie alle miteinander mehrere Stunden darauf, sich die Weizenkörner aus den Haaren, Rockfalten, aus den Hutbändern, dem Busen und den Hosentaschen zu lesen, die dort hängengeblieben waren. Weizenkörner, die man den Brautleuten am Ausgang der Kirche übers Haupt gestreut hatte. Natürlich fanden sich die meisten im Haar und im Schleier der Braut. 'Dieser Weizen, den wir auf einer Decke sammelten, über der die Braut ihre Haare gelöst und zusammen mit dem Brautschleier ausgeschüttelt hatte, war unser von Jahr zu Jahr reichlicher werdendes Brot', sagte Onkel Emil bisweilen träumerisch und fast wehmütig zu mir, und jedesmal setzte Tante Turica, vielleicht aus Eifersucht, vielleicht auch nur der Genauigkeit halber, ihnzu: 'Zum Glück hat auch der Brautführer noch eine Hosentasche voller Körner gefunden.'
Auch der alte Pfarrer mit dem bukowinischen Akzent zog verschämt eine Handvoll Sonnenblumkerne aus der Tasche seiner Soutane und trug zu dem Samenfonds bei." Es war ein Text mit dem im Herbst 1988 die DDR-Opposition auch auf die Zwangsaussiedlungen hinweisen konnte. In Rumänien waren 1951 über 40.000 Menschen betroffen in der DDR 1952 über 10.000.
Zur Mitgliederversammlung des Bundes der Zwangsausgesiedelten im Thüringer Landtag las der Landesbeauftragte auf diese Publikation und machte darauf aufmerksam, dass die Betroffenen sich im Mai 1990 zum Bund der Zwangsausgesiedelten zusammenfanden. Die Selbstbezeichnung lehnte lehnte sich an die ostdeutsche Bezeichnung für die Kriegsvertriebenen als "Umsiedler" an. Im historischen Kontext muss jedoch von Deportationen gesprochen werden. In Ostdeutschland bzw. in der DDR gab es kein unbewohntes Land. Die Verbannten wurden deshalb unter der Verleumdung als Feinde und vielfältiger Überwachung auf die DDR verteilt und "integriert".
"Vertriebener zu sein war in keiner bisherigen Phase der jüngeren Geschichte [Deutschlands] ein Ehrentitel." (Ekkehard Biehler)
Umso wichtiger ist es, heute in den Orten, aus denen Menschen verbannt wurden, einen nachhaltige Erinnerung an die Menschenrechtsverletzungen zu entwickeln. Als Beispiel nannte der Landesbeauftragte die Georg-Wagner-Straße in Geisa, die an einen Vertriebenen erinnert, der viele Jahre Präsident des Bundes der Zwangsausgesiedelten war. 

 

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

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Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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