Mittwoch, 23.August 2017

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Dr. Sachse Arnold Vaatz

Dr. Christian Sachse und Arnold Vaatz (MdB) am historischen Ort - ehemals Maxhütte Unterwellenborn, heute Sitz des Vereins "Gaszentrale Unterwellenborn e.V."

Am 18. September 2015 war die Jugendzwangsarbeit in der DDR Thema eines Forums in Ichtershausen. Bis 2013 gab es in Ichtershausen auf dem Gelände des ehemaligen Klosters eine Haftanstalt, die in der DDR als Jugendhaus bzw. Jugendstrafvollzugsanstalt genutzt wurde. Die Veranstaltung fand in Kooperation des Landesbeauftragten für Aufarbeitung mit der Kirchgemeinde Ichtershausen in der Klosterkirche statt. Wie jeden Freitag, fand 18:00 Uhr in der Kirche eine Andachten Gemeinschaft von statt.

Bei der Begrüßung erklärte Pfarrer Ehrlichmann, dass wer zu DDR-Zeiten die Apsis des Chorraums betrat, „mit beiden Beinen im Gefängnis“ stand. Die Nähe der Kirche bestätigten die ehemaligen Häftlinge, die zu diesem Abend nach Ichtershausen kamen. Der Landesbeauftrage, Christian Dietrich, verwies bei seiner Einführung auf den sowjetischen Verfassungsartikels „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ (Verfassung 1936, Artikel 12: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Staatsbürgers nach dem Grundsatz: ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.’“). Auch in der DDR beruhte die SED-Herrschaft auf Arbeit als Zwangsmittel. Auch Jugendliche waren davon betroffen. Davon zeugt die Errichtung von Jugendwerkhöfen an den Orten, wo es an Arbeitskräften mangelte.

Anhand von Statistiken und Gesetzestexten zeigte Dr. Christian Sachse, welchen Platz die DDR-Zwangsarbeit in der deutschen Geschichte und innerhalb der DDR-Volkswirtschaft einnahm. Dazu stellte er die Statistik der Inhaftierungen. In der DDR waren bezogen auf die Bevölkerung mindestens dreimal so viel Menschen inhaftiert, wie in der Bundesrepublik. Die Statistik zur Verteilung der Berufsunfälle - soweit sie überhaupt Teil der Statistik wurde – zeigte die signifikante Gesundheitsgefährdung durch Zwangsarbeit.

 

Als Zeitzeuge sprach an diesem Abend Ralf Weber. Er wurde 1972 im Alter von 17 Jahren verhaftet. Der Vorwurf lautete: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Von 1973 bis 1975 war er im „Jugendhaus Ichtershausen“ inhaftiert. Er erzählte vom Gefängnisalltag, den Schikanen und der schlechten Entlohnung der Arbeit. Ralf Weber berichtete auch, wie er schon als Minderjähriger im Jugendwerkhof Hummelshain in der Maxhütte Unterwellenborn arbeiten musste. So sagte er: „Unter der Woche arbeiteten wir an den Hochöfen die abgestochen waren. Hier waren wir durchweg nur für das Heranschaffen für Kies und Tonerde zuständig und nach dem Abstich für das Wegschaffen der Schlacke. Zum Wegschaffen der Schlacke gehörte unter anderem auch, das Entriegeln der Schlackebehälter. Ein lebensgefährliches Unterfangen. Dazu musste man unter dem Schlackebehälter durch rennen und mit einem Hammer die über dem Kopf befindliche Verriegelung aufschlagen. Ein Fehler hätte wohl das Leben kosten können.
Richtig schwer allerdings war der Abtransport der Schlacke. Mit einer Schaufel, deren Blatt breiter war als mein Rücken, wurde die Schlacke in noch glühendem Zustand auf Loren geladen und aus der Halle transportiert. Dabei musste die Schlacke ja so zerschlagen werden, dass sie überhaupt transportabel war. Arbeitsmittel war Presslufthammer und Vorschlaghammer. Auch hier war die körperliche Belastung durch Hitze und Staub noch schwerer, als es ohnehin schon war. Lohn gab es nicht.“

WeberIchtershausen

Ralf Weber steht Rede und Antwort am Schluss des Vortragsabend

Besonders berührt hat der Bericht Ralf Webers über seine Bemühungen um die Rehabilitierung seit Ende der DDR. So erwirkte er 2004 das Grundsatzurteil zur Unterbringung von Jugendlichen im Jugendwerkhof Torgau als rechtsstaatswidrig. Auch die Bundesverfassungsurteile zugunsten der ehemaligen DDR-Heimkinder von 2009 (Bestätigung des Rehablitierungsanspruchs) und 2014 (rechtsstaatswidrige Bedingungen in den Heimen) sind unter anderem durch seine Initiativen ergangen.

Unter der Gästen an diesem Abend waren u.a. Bischof Dr. Ulrich Neymeyr (Bistum Erfurt), Manfred Buchta (Beratungsinitiative SED-Unrecht) und Cornelia Seidel (Collegiatsstift St. Georg & Marien). Frau Seidel sagte, dass sie als Aufgabe mitnimmt, den Opfern der Haftanstalt im Collegiat einen Ort der Erinnerung zu schaffen.

Am 19. September gab es im Technik-Museum Unterwellenborn (Förderverein Schaudenkmal Gaszentrale Unterwellenborn e.V.) eine Einführung zur Haftanstalt Unterwellenborn und der Zwangsarbeit in der DDR durch Dr. Christian Sachse (vgl. http://ddr-zwangsarbeit.info/20141113_System_Zwangsarbeit.pdf). Einen besonderer Schwerpunkt betraf die Korrelation von Häftlingszahlen und Arbeitskräftemangel über den Zeitraum von 1953 und 1989. Besonders in den 1970er Jahren gab es einen Anstieg der Häftlingszahlen. Der Volksmund gab dies in Anlehnung an den SED-Slogan „Max braucht Wasser“ mit „Max braucht Schrott und Knochen“ wieder. Anfangs hieß das Haftlager Unterwellenborn „Haftarbeitslager“, nach dem Mauerbau erhielt es die Bezeichnung „Strafvollzugskommando“ und nach dem Honecker Ulbricht abgelöst hatte „Strafvollzugseinrichtung“ - am Charakter eines Zwangsarbeiterlagers änderte sich aber nur wenig.

Im Anschluss daran hielt Arnold Vaatz (MdB) einen Vortrag zu seinen persönlichen Erfahrungen als Häftling in Unterwellenborn. Arnold Vaatz wurde wegen der Verweigerung des Reservistendienstes nach der Einführung des Kriegsrechtes in Polen 1982 inhaftiert und zu 6 Monaten Haft in Unterwellenborn verurteilt. Neben den Haftbedingungen gab er einen ausführlichen Bericht zu den Arbeitsbedingungen der Häftlinge insbesondere im Walzwerk der Maxhütte. Er beschrieb nicht nur das Gefährdungspotential, sondern berichtete auch über verschiedene Opfer, da er schon zu DDR-Zeiten ein großes Interesse für die Opfer hatte und sich solidarisch mit ihnen und ihren Familien zeigte. So berichtete er von einem Mithäftling, dem das Bein zertrümmert wurde und der noch an den Folgen leidet. Dabei war nicht nur der fehlende Arbeitsschutz (bis hin zu den fehlenden Vorkehrungen an den Maschinen) ein Thema, sondern auch die fehlende medizinische Versorgung. So berichtete er ausführlich, wie ein Mithäftling Weihnachten 1982 einen Zuckerschock erlitten, der in der Haftkrankenstation nicht behandelt wurde. Nach einer Woche ohne Therapie wurde der Patient in die Klinik in Saalfeld eingewiesen, wo er am Tag darauf, am 3. Januar 1983 verstarb.

Zu der Veranstaltung waren nur wenige Interessierte gekommen, darunter jedoch einige mit eigenen Unterwellenborner Zwangsarbeitserfahrungen.

Im anschließenden Gespräch wurden auch die verschiedenen Wahrnehmungen zum Prozentsatz der politischen Häftlinge in Unterwellenborn verglichen. Dr. Christian Sachse sprach nach Aktenlage von 12-20 % im Zeitraum 1960-1989. Arnold Vaatz wusste von ca. 2 im Zimmer mit 13 Häftlingen.

An diesem Nachmittag kritisierte Arnold Vaatz die Publikation zur Geschichte der Maxhütte, die nur von der Auflösung des Haftlagers wusste, aber nicht von der langen Geschichte der Zwangsarbeit in Unterwellenborn. In der Ausstellung der großen Gasturbinenhalle gibt es jedoch eine Vitrine, die an die vielen Zwangsarbeiter erinnert (s. Foto).

Ausstellungsvitrine Haftarbeit in der Maxhütte

Arnold Vaatz berichtete auch, wie lange die Zwangsarbeit durch ehemalige Häftlinge in der DDR und auch in der Bundesrepublik bekannt war. Erst mit dem Feindbild „Konzern“ begann der „Empörungsmechanismus“, doch die Ausbeutung lang fest in DDR-Hand. Und die Gesellschaft betrachtete „die Kommunisten als schuldunfähig“ und begann die Aufarbeitung der erst, als westliche Profiteure in den Blick kamen (vgl. Brief von Arnold Vaatz an Roland Jahn http://www.cdu-landesgruppe-sachsen.de/inhalte/1025962/aktuelles/48883/arnold-vaatz-offener-brief-an-roland-jahn/index.html).

Dr. Christian Sachse geht davon aus, dass die westlichen Vertragshändler nicht darüber informiert wurden, dass sie Zwangsarbeitsprodukte importierten.

Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Roland Jahn spricht sich für finanzielle Hilfen für die Opfer von DDR-Zwangsarbeit aus. http://www.tlz.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Stasi-Beauftragter-Roland-Jahn-Hilfen-fuer-DDR-Zwangsarbeiter-1300354533

Zu den Haftarbeitslagern in Thüringen s.a.
Marcus Sonntag, Die Arbeitslager in der DDR, Essen, Klartext, 2011 und Zusammenfassung bei Blätter zur Landeskunde der Landeszentrale für politische Bildung 85 (2011) http://www.lzt-thueringen.de/files/rbeitslager_ddr.pdf)

und
Christian Sachse, Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur. Die wirtschaftliche und politische Dimension, Leipzig 2014

Tobias Wunschik, Knastware für den Klassenfeind. Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970–1989), Göttingen 2014

Gerbergasse 18, Heft 73

Aktuell in den Medien zu den gefährlichen Arbeitsbedingungen in der Zwangsarbeit: Ausgebeutet für den Klassenfeind - wie DDR-Zwangsarbeiter für Westfirmen leiden mussten - zuerst: ARD, 12. Oktober 2015 http://www.ardmediathek.de/tv/REPORT-MAINZ/Wie-DDR-Zwangsarbeiter-f%C3%BCr-Westfirmen-le/Das-Erste/Video-Podcast?documentId=31070334&bcastId=310120: Hier u.a. Kombinatsdirektor Heinz Schwarz (Bitterfeld) „Ich bin stolz darauf, dass unter den Bedingungen des ältesten Chemiekombinats Europas (nur) zwei Todesfälle in meiner Amtszeit von zwölf Jahren als Generaldirektor vorgekommen sind.“

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Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

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Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur trägt zur umfassenden Aufarbeitung von Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in der SBZ und in der DDR bei.

www.bundesstiftung-aufarbeitung.de

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für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

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