Donnerstag, 23.März 2017

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Rede zur Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Bautzen von Prof. Dr. Manfred Wilke

Die meisten Teilnehmer des Gefangenenaufstandes im „Gelben Elend“ vor 65 Jahren sind nicht mehr unter uns. Ihre Erhebung war ein Akt der Notwehr: weil die ohnehin karge Verpflegung gekürzt wurde, sahen die unterernährten und durch Krankheiten geschwächten Gefangenen dem sicheren Hungertod entgegen. Mit dem Mut der Verzweiflung begehrten sie gegen ihre Bewacher auf, die diese größte Häftlingsrevolte in der Geschichte in der DDR gewaltsam beendeten.
Von dem dramatischen Aufstand wissen wir vor allem aus zwei Briefen, die Gefangene aus der Haftanstalt schmuggelten und nach Westen-Berlin brachten. Es waren Hilferufe, die sie an die gesamte zivilisierte Welt richteten, an alle freien Menschen: sie sollten helfen, damit die Bautzener Häftlinge nicht „langsam verrecken wie hilfloses Vieh!“
Die meisten politischen Häftlinge, die im März 1950 in den Ausstand traten, waren von sowjetischen Militärtribunalen aus unterschiedlichen Gründen zu hohen Haftstrafen verurteilt worden, oftmals zu 25 Jahren. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Angehörige demokratischer Parteien, die sich der Allmacht der Kommunisten in der SBZ widersetzt hatten. Aber auch Angehörige von SS und Gestapo, die als Kriegsverbrecher abgeurteilt und in das 1945 eingerichtete sowjetische Speziallager Bautzen eingeliefert wurden.

Anfang 1950 übergab die Sowjetische Militäradministration das Speziallager an die Volkspolizei. Der erste Direktor der neuen Strafvollzugsanstalt Bautzen war Erich Reschke: als Kommunist wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und im KZ Buchenwald inhaftiert. In Bautzen traf er 1950 auf den Kommandeur der Außenwachmannschaft von Buchenwald, den SS-Offizier Gustav Wegener und Gerhard Weck, einen sozialdemokratischen Haftkameraden aus Buchenwald, der nach der Befreiung die SPD in West-Sachsen mitbegründet hatte. Hermann Kreutzer, ebenfalls ein Thüringer Sozialdemokrat und von den Nationalsozialisten wie Kommunisten verfolgt, hat die Begegnung dieser drei Männer mit ihren unterschiedlichen Biografien festgehalten. Reschke war erschüttert, den Antifaschisten Weck aus Buchenwald nun wiederum in Bautzen als Häftling vorzufinden. Er versprach ihm, sich um seine Freilassung zu bemühen. Als er es tat, wurde er selbst verhaftet und von einem sowjetischen Militärtribunal zur Zwangsarbeit verurteilt und in die Kohlegruben von Workuta verschickt.
Ein Menschenalter liegt heute zwischen uns und dem Brief aus Bautzen. Er beginnt mit einer befremdlichen Anrede, die uns in die Nachkriegszeit zurückversetzt: „Deutsche Männer und Frauen.“ Sie zeigt, dass 1950 die Hoffnung der Deutschen auf einen Friedensvertrag mit den vier Siegermächten noch sehr stark war, vor allem unter den Menschen im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands. Die Realität war aber eine andere: die Teilung hatte sich wenige Monate zuvor mit der Gründung zweier deutscher Staaten vollzogen. Die Sowjetunion erlaubte den deutschen Kommunisten mit der DDR ihren eigenen Staat aufzubauen: Anfang 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit gegründet und in Dessau fand der erste Schauprozess gegen die Feinde des Sozialismus nach sowjetischem Muster statt.
Von der SED konnten die Häftlinge in Bautzen keine Gerechtigkeit erwarten. Die Regierung der DDR bewies dies den Gefangenen bei der Übernahme des „Gelben Elends“ durch die Volkspolizei. Die kargen Essensrationen wurden gekürzt und die Sonderverpflegung für TBC-Kranke abgeschafft. In dieser Situation sahen die Insassen keinen anderen Weg, als in den Hungerstreik zu treten und Hilferufe aus den Fenstern zu schreien, um die Welt auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.
Dies gelang mit den „Briefen aus Bautzen“. Sie wurden von Inhaftierten Sozialdemokraten verfasst, aus der Haftanstalt geschmuggelt und an das Ostbüro der SPD in West-Berlin geschickt. Sie waren ein Appell an die Landsleute im Westen, Druck auf die Machthaber in der DDR auszuüben und die Öffentlichkeit über die Zustände in der Strafvollzugsanstalt Bautzen informieren.
Die Hoffnungen der Bautzener Gefangenen erfüllten sich. Das Ostbüro der SPD übergab die Briefe dem Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des gesamtdeutschen Ausschusses Herbert Wehner. Wehner nutzte den Hamburger SPD-Parteitag um sie zu veröffentlichen. Er verlas den zweiten Brief vom 6. April und appellierte an die anwesenden Journalisten über den Hilferuf aus Bautzen zu berichten, „damit es wirklich die Welt hört.“ Für Wehner stand der Aufstand nicht allein, er war vielmehr Ausdruck der voranschreitenden deutschen Teilung: „Ein Teil unseres Volkskörpers wird gegenwärtig zerfleischt, und es wäre keine Hilfe, weder für diesen noch den übrigen Teil, wenn man diesen Teil abbinden und sozusagen dazu verurteilen würde, daß er abstirbt.“
Abschließend bleibt die Frage zu klären, welchen historischen Stellenwert hatte der Häftlingsaufstand in Bautzen in der deutschen Teilungsgeschichte nach 1945?
Der von Wehner verlesenen Brief aus Bautzen fand einen weltweiten Widerhall, der Name der Stadt wurde zu dem Symbol für politischen Terror und Repression in der DDR. Dies blieb auch den Insassen des „Gelben Elends“ nicht verborgen.
Dieter Rieke, einer der Mitverfasser des Briefes schrieb rückblickend über die zwiespältigen Folgen der Aktion. In Bautzen wurden die Haftbedingungen nach der brutalen Niederschlagung des Hungerstreiks verschärft. War die Gegenwehr der Häftlinge also umsonst? Diesen Schluss zieht Rieke nicht: „Eines war uns gelungen, so hörten wir Monate später von Neuzugängen. Wir hatten das Gewissen der freien Welt aufgerüttelt und die Politiker aufgerufen, nicht untätig den Verbrechen der Kommunisten zuzuschauen, sondern alle politischen Mittel einzusetzen, den unschuldig inhaftierten Gefangenen ihre Freiheit zurückzugeben.“
Die Deutschlandpolitik der Bundesrepublik fand schließlich mit dem Häftlingsfreikauf Anfang der sechziger Jahre einen Weg, um politischen Gefangenen in der DDR die Freiheit zu ermöglichen. Verantwortlich für diesen humanitär begründeten „Menschenhandel“ war im Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen der ehemalige Bautzen-Häftling und Zeitzeuge des Aufstandes von 1950, Hermann Kreutzer.
Zwei Jahrzehnte später waren es wiederum ehemaligen Gefangenen zu verdanken, dass die Verbrechen des SED-Regimes in dieser Haftanstalt öffentlich gemacht wurden. 40 Jahre nach dem Häftlingsaufstand fand am 31. März 1990 die erste Gedenkveranstaltung auf dem Karnickelberg statt, wo die gestorbenen Häftlinge aus Bautzen verscharrt wurden. An diesem Tag gründeten ehemalige Häftlinge das „Bautzen-Komitee“, um das Andenken an die Opfer der Bautzener Haftanstalten zu bewahren und ihr Schicksal aufzuklären.
Die Erinnerung an die Leiden der Insassen und das begangene politische Unrecht wachzuhalten, ist heute und in Zukunft das historische Vermächtnis der „Briefe aus Bautzen.“ Diese Aufgabe wird heute in der Gedenkstätte Bautzen fortgeführt. Sie hat damit einen wichtigen Platz in der Erinnerungskultur an die SED-Herrschaft, in Deutschland und über die Landesgrenzen hinaus.

Die Rede wurde unter dem Titel "Opfer von Hunger und Tuberkulose?" veröffentlicht in: mut. Forum für Kultur, Politik und Geschichte 568 ‎(Juni 2015)

 

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